Mein erster Pinselstrich Mein Onkel war Maler. Da er es sich nicht leisten wollte, als hungernder Künstler durchs Leben zu tanzen, ging er am Tag seinem erlernten Beruf als Schlosser nach. Wer jetzt glaubt, dass ein Schlosser nicht kreativ arbeiten kann, irrt sich. Er war in seiner Firma dafür zuständig, alle kaputten Schlösser wieder ihrer Funktion zuzuführen. Damals hat man noch repariert und nicht einfach weggeschmissen. Einmal hat er mir gezeigt, wie man auch ohne Schlüssel jedes Schloss aufbringt. Ich hab’s versucht, aber auch dazu gehört viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Die Sache mit den Schlössern ist jetzt über 50 Jahre her und mit der heutigen Technologie nicht mehr zu vergleichen. Mein Onkel hat also tagsüber gebastelt, geschweißt und geschliffen und abends gemalt. Es gibt viele Blumenbilder von ihm, die er den großen Künstlern wie Jan Brueghel nachempfunden hat. Die Bilder hat er immer innerhalb der Familie verschenkt. 

Für seine Frau hat er auch größere Bilder gemalt. Ich erinnere mich an eine Stierkampfszene, die sie im Wohnzimmer hängen hatten. Eine befreundete Malerin hat meinem Onkel geraten, doch nicht so detailgetreu zu malen, aber das hat er nie befolgt. Meine kindliche Neugier ließ mich immer wieder 1000 Fragen zu seiner Malerei stellen. Diese Fragen hat er immer mit viel Liebe und Geduld beantwortet, bis ich eines Tages den Wunsch, selbst zu malen, bekannt gab. Daraufhin hat mein Onkel eine große Rolle Leinwand hervorgezaubert und daraus einige Stücke in verschiedenen Größen abgeschnitten. Dazu gab er mir einen Pinsel. Seine Pinsel hat er immer selbst hergestellt und das meist aus den Haaren seiner Schwester, also meiner Mutter. Sie hatte feste dicke Haare, war aber nicht immer hocherfreut, wenn sie diese für die Kunst opfern musste.  Zum Pinsel bekam ich noch einige halb ausgedrückte Tuben Ölfarbe und ein kleines verschlossenes Marmeladenglas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Seine begleitenden Worte waren: „Mal!“. Zu Hause habe ich meine Schätze auf dem Schreibtisch ausgebreitet. Als ich das Marmeladenglas öffnete, kam mir ein scharfer Geruch entgegen. Mein Vater erklärte mir, dass es Terpentin sei und wozu ich es verwenden kann. Für meine ersten Malversuche habe ich die Leinwand in noch kleinere Stücke zerschnitten. Dann begann ich Blümchen, Häuschen und Bäumchen in bunten Farben auf die weiße Leinwand zu bringen. Heute ist mir klar, dass es einfacher gewesen wäre, meine ersten Malversuche mit Buntstiften oder Wasserfarben zu bestreiten. Aber so startete ich mein Malerleben in der höchsten Kategorie. Bis heute habe ich viele Techniken durchprobiert und finde immer noch, dass ein Ölbild die größte Ausdruckskraft hat.  Meinem Onkel bin ich sehr dankbar, dass er nie versucht hat, mir mit Richtig oder Falsch die Freude an der Malerei zu nehmen. Ich habe im Laufe der Jahre sehr viele Bilder gemalt. Auf einige davon bin ich sehr stolz, manche stehen am Dachboden und das ein oder andere ist im Mistkübel gelandet. 
 Eines meiner ersten Werke besitze ich noch und es hängt, obwohl die Qualität sehr zu wünschen übrig lässt, an einem prominenten Platz in meinem Atelier. @ Gabriele Koubek